Qualitäten – Mehr als Rhetorik, Improvisation, Entertainment, Animation … Randbemerkungen zur Qualität didaktischer Entscheidungen in der Hochschullehre

Hochschulbildung und Hochschulbildungspolitik haben aktuell Konjunktur. Dies wird gemeinhin mit neueren, allgemein gesellschaftlichen und spezifisch wirtschaftlichen, Entwicklungen im Zuge von Globalisierung, demographischem Wandel und Digitalisierung sowie parallelen, öffentlichkeitswirksamen Wissenschaftsbefunden zum Bildungsstand der Bevölkerung („Pisa-Schock“) in Zusammenhang gebracht. Ihren rhetorischen Niederschlag findet die andauernde Bildungsdiskussion um notwendige Veränderungen in der Hochschullehre in gängigen Phrasen wie „offene Hochschule“, „lebenslanges Lernen“, „Studierendenorientierung“, „flexible Studienbedingungen“, „aktivierende Lehre“, „Kompetenzorientierung“, „individualisierte Lern- und Prüfungspfade“ usw. Deren wiederholter Gebrauch in der Auseinandersetzung gilt quasi als ‚en vogue’ sowie ‚political correct‘, und sie kommen auch – vergleichsweise lapidar, d.h. ebenso kraftvoll wie beiläufig – im Kontext interner hochschulischer Kommunikations- und Aushandlungsprozesse zunehmend zum Einsatz.
In vermeintlich gedanklich-inhaltlicher Übereinkunft wird so an der Basis, im Kollegium, sprachgewandt zuweilen leichtfertig verdeckt, woran es im Hochschulalltag spürbar mangelt: am kollegialen Verständnis für und an der vertieften Einsicht in den herausfordernden Mut, die konkreten Mühen und die Art der (fach)didaktischen Entscheidungen, die mit der Umsetzung solcher Begriffe bzw. Konzepte in konkrete Lehr-Lern-Praxis verbunden sind.
Ein systematischer, dialogischer Austausch lohnt deshalb gerade über diese Aspekte der Weiterentwicklung von Lehre, insofern die Allokation qualitativ hochwertiger und nachhaltig sinnvoller Lehr- und Studienangebote als zentrale Aufgabe einer Hochschule betrachtet wird und die Gleichwertigkeit von Lehre und Forschung für (fach)wissenschaftliche Entwicklung, akademische Reputation und Hochschulprofil sinnfällig werden soll. Wichtige Arbeitsschritte, spezifische didaktische Entscheidungen und unterstützende Kontextbedingungen werden deshalb im folgenden Beitrag auf der Folie zweier einschlägiger Dokumente veranschaulicht: der „Charta guter Lehre“, die in einem für die deutsche Hochschullandschaft einzigartigen Partizipationsprozess ausgehandelt wurde, sowie den jüngst erschienenen „Standards and Guidelines for Quality Assurance in the European Higher Education Area (EGS)“, die ebenfalls einem breit angelegten Revisionsprozess unterlagen. Ziel ist es, nachvollziehbar werden zu lassen, welche Bedeutung der entwicklungsoffenen subjektiven Einstellung zur Lehre einerseits sowie der wissenschaftsbasierten hochschuldidaktischen Information und Reflexion jeder in die Planung und Gestaltung von Hochschullehre involvierten Person, insbesondere aller Dozentinnen und Dozenten, andererseits zukommt.
Nachhaltiges didaktisches Design von Studienangeboten und die Suche nach passgenauen, sinnvollen und übertragbaren Lehr-Lern-Konzepten sowie Lehr-Lern-Methoden fordern von den Beteiligten weit mehr als populäre Rhetorik, pragmatische Improvisation, fesselndes Entertainment und motivierende Animation (mit und ohne digitale Medien). Sie gehen mit der gewollten Reflexion eigener Lehrpraxis und der Gewinnung didaktischer Einsicht und Erkenntnis auf der Grundlage von Lehr-Lern-, Bildungs- und Hochschulforschung einher.

Birgit M. Stubner M.A. (Univ.) – Leitung Referat Didaktik & Medien, Hochschule Coburg